| Meine persönliche Geschichte |
Geschichte 1
Bis 1960 war ich Lokführer bei der Deutschen Reichsbahn. Meine
Dienststelle war das Bw Salzwedel, wo mir die 57 2619 zugeteilt war.
Auf dieser sog. „Jugendlok“ taten die jüngsten Lokführer ihren Dienst.
Irgendwann im Sommer 1959 hatte ich den Durchgangsgüterzug DG 6812
(Salzwedel – Oebisfelde) zu fahren. Zwischen Kuhfelde und
Siedenlangenbeck fuhren wir mit 50 km/h, als plötzlich eine Kuh auf
unser Gleis lief und dort stehen blieb. Da unser Zug wegen der vielen
Leitungswagen nur 30 Bremshundertstel hatte, schaffte ich es trotz
sofort eingeleiteter Schnellbremsung nicht mehr, ihn rechtzeitig zum
Halten zu bringen. Unsere Lok hob beim Überrollen der Kuh leicht an und
schwankte seitlich. Für einen kurzen Moment hatte ich Angst, zu
entgleisen. Mein Heizer und ich hatten große Mühe, die Reste der Kuh
unter der Lok hervor zu ziehen, da sie sich im Bremsgestänge verfangen
haben. Nachdem wir diese unangenehme Arbeit erledigt hatten, fuhren wir
einfach weiter.
Einige Monate später hatten wir eine ähnliche Situation mit einem
Pferd. Mit dem rechten Puffer trafen wir dessen Hinterteil. Dem Pferd
knickten dabei die Beine weg, und es rutschte auf dem Bauch in einen
Graben. Als wir uns umdrehten, vernahmen wir ein kräftiges Wiehern. Das
Pferd war aufgestanden und lief weiter.
Geschichte 2
In den 1970er Jahren wurden von Duisburg-Wedau aus noch viele Züge mit
Dampflokomotiven bespannt. Zu dieser Zeit wurden bereits viele
türkische Gastarbeiter als Heizer eingesetzt. Einer von ihnen war mir
zugeteilt, als ich mit einer 050 nach Mülheim-Speldorf musste. Da es
dort keine Drehscheibe mehr gab, war die Hin- oder Rückfahrt mit Tender
voraus zu befahren. Da wir in diesem Fall Tender voraus fuhren, musste
mein Heizer die Strecke beobachten und mir die Signalstellung melden.
Da er noch nicht so lange dabei war, fühlte er sich dabei etwas
unsicher. So meldete er mir während dieser Fahrt folgendes: „Ey
Meister, das sind zwei Signale. Eins Halt und eins Fahrt.“. Immerhin
konnte ich dadurch noch schnell auf die linke Seite springen und mich
selbst von der Fahrtstellung des „richtigen“ Signals überzeugen.
Geschichte 3
Es war um 1981. Eines Nachts hatte ich Dienst auf dem „Pendel“ von Duisburg Hbf nach Bissingheim. Zu dieser Zeit wurde dort noch der ET
430 eingesetzt, und auch die Verlängerung bis Duisburg-Entenfang war
noch nicht in Betrieb. Beim Einfahren im Haltepunkt Bissingheim sah ich
einen Mann zwischen den Schienen liegen. Da es 3:00 Uhr nachts war, habe
ich nicht gepfiffen. Im Glauben, ihn totgefahren zu haben, rief ich die
Bahnpolizei. Als diese eintraf, war er unter dem Triebwagen nicht mehr
zu finden. Stattdessen saß er, offensichtlich stark alkoholisiert, im
Triebwagen. Er war nicht verletzt, nur seine Kleidung war etwas
ölverschmiert. Denn weil ich nicht gepfiffen habe, ist er nicht
aufgeschreckt und wurde vom Drehgestell auch nicht mitgerissen. Im
Nachhinein fiel mir ein, dass dieser Mann eine Stunde vor dem Unfall
auf der Bahnhofsbank geschlafen hat. Später kam überdies heraus, dass
er in dieser Nacht von einem Polterabend im ETUS Bissingheim kam. Dort
hat er einige Monate später anlässlich seines Überlebens eine
Lokalrunde gegeben.
Geschichte 4
Ab dem 20. Mai 1982 fuhr der „Pendel“ von Duisburg Hbf über Bissingheim hinaus bis nach Entenfang. Bis dahin wurden die Fahrten zwischen Wedau und Bissingheim bzw. Entenfang als Rangierfahrt (Sh 1) durchgeführt. Irgendwann kam jemand auf die Idee, dass in diesem Zustand keine Fahrgäste befördert werden dürfen. Dies nahm man zum Anlass, das
Personenzuggleis bis Entenfang ordnungsgemäß zu signalisieren und
nunmehr alle Züge bis dorthin fahren zu lassen.
Mir wurde die Ehre zuteil, die Eröffnungszüge fahren zu dürfen, da ich
für die Nachmittagsschicht am 20. Mai 1982 eingeteilt war. Da an diesem
Tag zwischen Duisburg Hbf und Entenfang kein Fahrgeld erhoben wurde,
war mein ET 430 gut gefüllt.
Geschichte 5
Gut kann ich mich an meine letzte Fahrt erinnern, die mit einem Unfall
endete. Am Spätnachmittag des 7. Februar 1986 fuhr ich den Eilzug E
3287 nach Münster. Bespannt war er mit 110 509. Da es ein Freitag war,
fuhren viele Bundeswehrsoldaten nach Hause. Hierfür setzte die DB
zusätzliche D- und IC-Züge ein. Zwischen Marl-Sinsen und Haltern gab es plötzlich einen lauten Knall,
und mir flogen sehr viele Glassplitter ins Gesicht. Aus dem entgegen
kommenden D 1934 hatte jemand eine volle Limonadenflasche geworfen. Der
Täter konnte nie ermittelt werden. Mit voller Wucht durchschlug die Limonadenflasche die rechte Frontscheibe meiner Lok. Trotz der schweren Schnittverletzungen am Kopf habe ich den E 3287 noch bis Haltern (Westfalen) fahren können. Hierfür bekam ich später sogar eine Belohnung von 100,00 DM. In Haltern wurde ich am Bahnsteig abgelöst und in ein Krankenhaus gebracht.
Mein Augenlicht habe ich zum Glück nicht verloren, und auch die Narben
sind schon lange nicht mehr zu sehen. Dennoch hatte ich seit diesem
Unfall Angst, wieder einen Zug zu übernehmen. Da ich somit nicht mehr
dienstfähig war, bin ich Anfang 1987 in den vorzeitigen Ruhestand
gewechselt.
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